logo_en

Das Landschaftspflegepraktikum der 9. Klassen der Rudolf Steiner-Schule Nürnberg

 

Der Beginn


Ökologische Praktika sind integraler Bestandteil im Lehrplan der Nürnberger Waldorf-schule. Seit einem Vierteljahrhundert engagieren sich unsere Neuntklässler und deren Lehrer nachhaltig für Umweltschutz im Rahmen eines Landschaftspflegepraktikums im oberen Altmühltal.

Im Zuge der Flurbereinigung war dort nämlich bis etwa 1970 eine ausgeräumte Landschaft entstanden. Im Herbst 1986 wurde die Pflanzung einer 500 Meter langen sechsreihigen Hecke mit 3000 Pflanzen vom damals neu gegründeten Landschaftspflegeverband Mittelfranken initiiert. Da dies allein durch Freiwillige nicht geleistet werden konnte, war damit das Projekt gefährdet. Der dort gebürtige Biologielehrer unserer Schule hatte sofort den Wunsch, mit seinen Schülern einzuspringen. Vorerst war aber noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Denn so etwas hatte es noch nicht gegeben. Weit und breit war keine normale Unterkunft in Reichweite. Schließlich stellte der engagierte junge Gastwirt von Dittenheim den Tanzboden seines Gasthauses zur Verfügung und der wohlwollende Pfarrer funktionierte einen Gemeinderaum zum Schlafsaal um. Im November war es dann so weit. Die Baumschule lieferte das Pflanzmaterial und die Arbeit konnte bei eisigem Wetter und leichtem Schneetreiben beginnen. Nach vier Tagen stand die größte Hecke Mittelfrankens – vorbildlich eingezäunt! Eine unglaubliche und für alle überraschende Leistung! – Das Projekt bekam hierfür einen Umweltpreis des Bezirks!

Im darauf folgenden Jahr konnten die Schüler ein für fünf Tage geplantes Projekt bereits nach drei Tagen abschließen. Durch die Zusammenarbeit mit Waldbauern, dem Förster, der Gemeinde usw. ergaben sich zusätzliche Waldpflegearbeitsstellen, die nach eigenem Ermessen zeitlich eingeteilt werden konnten. Mit Hilfe des Landschaftspflegeverbandes konnte der Aktionsradius ausgedehnt werden. Seither gibt es auch entferntere Arbeitsstellen. Jeder Gruppe steht ein Kleintransporter zur Verfügung, um dorthin zu gelangen. Auch der Themenkreis wurde erweitert: Aufforstung bzw. Wiederaufforstung mit standortgemäßen Laubgehölzen, Anlage und Pflege von Obstwiesen, Mahd und Pflege von Feuchtwiesen, Entbuschung und Pflege von Magerwiesen, Trockenrasen und alten Hutungen. Inzwischen arbeiten unsere Schüler auch für andere Naturschutzverbände, ökologische Regionalinitiativen, Kommunen, Biobauern, Schäfer u.a..

 

Einsatz und Akzeptanz


Die Betreuung der Schüler erfordert einen großen pädagogischen Einsatz. Die Lehrer arbeiten von 7 Uhr morgens bis 23 Uhr abends. Darüber hinaus erfordert diese Form von Praktikum auch ein großes Maß an Solidarität, denn es sind vier oder fünf begleitende Praktikumslehrer nötig, die in der Schule vertreten werden müssen.

Bereits nach den ersten Einsätzen war für die Eltern nicht nur der ökologische, sondern auch der pädagogische Wert des Praktikums deutlich erkennbar. Die Kinder kamen „aufgeräumt" nach Hause. Viele erzählten begeistert von ihrem Projekt und manche fuhren am Wochenende mit ihren Eltern an den Praktikumsort, um ihnen „ihre Hecke" zu zeigen. Manche der ehemaligen Schüler waren sogar inzwischen als Praktikanten dabei und konnten mit ihrer Schülergruppe die von ihnen gepflanzte Hecke schon wieder pflegen.

Für die Schule hat sich der Aufwand langfristig auch gelohnt. Viele unserer Projekte sind Vorzeigebiotope und wir bekamen dafür Anerkennung von verschiedensten Seiten. Das war auch ein Grund, uns 1997 als UNESCO-Projektschule zu bewerben. Bei allen Ausschreibungen von Umweltpreisen waren wir unter den Preisträgern. Diese Projekte sind inzwischen Teil unseres Bildes in der Öffentlichkeit.

 

Praktikumsstationen


HHeckenpflanzungeckenanpflanzungen

Die Pflanzen werden in Reihen gepflanzt. Die exakten Reihen sind für die spätere Pflege wichtig. In den ersten Jahren wachsen Gras und Wildkräuter schneller als die gepflanzten Sträucher und würden die kleinen Pflanzen beeinträchtigen. Deshalb muss die Hecke in den ersten Jahren ausgesichelt werden. Und dabei sieht man manchmal den Strauch vor lauter Wildkräutern nicht. Da muss man sich beim Sicheln drauf verlassen können, dass die nächste Pflanze exakt in der Reihe steht. Sonst wird man den nächsten Strauch nicht finden oder er wird abgeschnitten. Es sieht zwar unnatürlich geometrisch aus, aber es ist nötig für die Folgearbeiten und pädagogisch auch sinnvoll.

Im Unterricht und auch bei der Pflanzung wird der Pflanzplan besprochen, der nach den ökologischen Bedürfnissen der einzelnen Pflanzen und der Hecke insgesamt erstellt wird. Die Schüler lernen die einzelnen Gebüsche und ihre Besonderheiten und Ansprüche kennen. In der Pflanzgruppe regeln sie selbständig, wer welche Tätigkeit durchführt, d.h. wer die Löcher gräbt, wer die Pflanzen holt und die Wurzelpflege durchführt und welche Schüler pflanzen. Erfahrungsgemäß finden die Mädchen eher den Zugang zu den einzelnen Pflanzen und können diese nach kurzer Zeit benennen und unterscheiden. Die Jungen erledigen lieber das Löchergraben. Am Ende jeder Arbeitseinheit wird die Pflanzung überprüft, um sicher zu sein, dass keine Pflanze mehr Wurzelpflegeherumliegt, ob sie alle gut versorgt oder schon eingepflanzt sind. Es ist wirklich eine Freude zu beobachten, wie manche Kinder Verantwortung für eine Pflanzung übernehmen und die einzelnen Tätigkeiten koordinieren und einteilen. Wenn dann zum Ende der Woche so ein Projekt abgeschlossen wird, erfüllt dies fast jeden Schüler mit Stolz.

 

Zaunbau

Aufgrund des hohen Wildbestandes ist eine Einzäunung von Neuanpflanzungen unbedingt nötig. Aber der Zaunbau ist nicht nur eine Notwendigkeit, er ist auch eine handwerkliche Herausforderung und eine sehr befriedigende Arbeit, weil man den Arbeitsfortschritt deut-lich sehen kann. Wieder muss sehr exakt in der Linie gearbeitet werden. Mit einer großen Eisenramme werden die Pfosten in den Boden geschlagen. Dies ist Schwerstarbeit. An der Ramme muss man zu zweit arbeiten. Beim Strammziehen und Annageln des Zaunes ist gute Teamarbeit erforderlich. Eine Vielfalt an Anforderungen und jeder Schritt ist leicht logisch nachvollziehbar.

Nach drei bis fünf Jahren wird bei unseren Pflanzungen der Zaun wieder abgebaut. Bei schonendem Abbau kann man einen großen Teil des Maschendrahtes wieder verwenden. Die alten Pfosten werden neu angespitzt und dann wieder als Zaunpfosten verwendet. Nach der zweiten oder dritten Verwendung verarbeiten wir sie zu Brennholz.

 

Heckenpflege

Heute werden meist Gehölze gepflanzt, aber nicht mehr gepflegt. Früher war die Nutzung (die gleichzeitig eine Pflege darstellt) eine Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit, denn man brauchte das Holz als Brenn- oder als Werkholz. Heute gibt es für die Pflanzung Geld und Ehre, eine sachgemäße Pflege wird aber vergessen. Man braucht das Holz nicht mehr. So werden aus ursprünglich dichten wertvollen Hecken im Laufe der Jahre lichte, durchlässige Baumreihen. Schnellwachsende und dominante Bäume wie Ahorn und Esche verdrängen ökologisch wertvolle dichte, blühende und stachelige Sträucher. Ohne regelmäßige und sachgemäße Pflege wird eine Hecke überaltern, auslichten und vergrei-sen und damit ihren ökologischen Wert verlieren.

Eine richtige Heckenpflege erhält aber diesen ökologischen Wert bzw. verbessert ihn sogar. Das Absägen und die Entnahme von Gehölzen fällt den Schülern nicht immer leicht. Wenn man einerseits Gehölze pflanzt, wieso soll man sie dann andererseits in diesen Heckenstrukturen wieder absägen? Der Schüler muss verstehen, dass es hier nicht nur um Ernte von Holz oder gar Zerstörung geht, sondern dass dadurch einzelnen Gehölzarten bzw. der ganzen Hecke und damit den darin lebenden Tieren geholfen wird. Die meisten Tiere leben im niederen Strauchbereich, in dichten dornigen Sträuchern. Diese werden aber von den dominanten Bäumen zurückgedrängt und verschwinden auf Dauer, d.h. die Tierarten dieses Lebensbereiches würden wieder verschwinden, weil ihr Lebensraum verloren geht. Durch sachgemäße Pflege werden dieser Lebensraum und damit auch diese Tierarten erhalten.

 

FeuchtbiotopArbeit an Feuchtbiotopen

Das Altmühltal war vor der Flurbereinigung ein Paradies für den Weißstorch. Viele Pfarr- und Gasthäuser und Türme von Kirchen oder Mälzereien hatten ein Storchennest. Mit der Intensivierung der Landwirtschaft und der flächendeckenden Drainage von feuchten Wiesen ist der Bestand fast gänzlich verschwunden. Im Rahmen der Landschaftspflege hat man Wiesen wieder vernässt oder mancherorts zahlreiche flache kleine wechselfeuchte Tümpel angelegt, so dass dem Storch neue Nahrungsbiotope gegeben wurden und der Bestand sich stabilisieren konnte. Er bevorzugt die offene Landschaft. Früher wurden die Wiesen gemäht und vom Gestrüpp freigehalten, allein weil man das Gras benötigte. Dann wurden die Ernte und die Pflege dieser Flächen unrentabel und sie verbuschten. Die offene Landschaft verschwand. Im Rahmen von Vertragsnaturschutzprogrammen konnte man verschiedene Biobauern gewinnen, die sich jetzt wieder um die Pflege dieser Flächen bemühen. Ist die Mähgutentnahme aber von Hand zu erledigen, wird sie meist nicht mehr durchgeführt. Diese Arbeit haben wir jetzt übernommen. Mit Gummistiefeln, Gabeln und einer großen Plane gehen wir in diese nassen Flächen, breiten die Plane aus und werfen das Gras auf die Plane. Dann müssen alle anpacken und gemeinsam die mit Mähgut beladene Plane manchmal 100 Meter weit aus dem Feuchtgebiet heraus bis zu einem trockenen Platz ziehen. Und wenn nur einer nicht recht mitzieht, gelingt es nicht. Es ist eine wunderbare Gemeinschaftsarbeit!

 

Arbeit an Trockenbiotopen

Bei uns in Franken wurden die trockenen Hanglagen des Jura früher als Schafweiden ge-nutzt. Mit der Modernisierung der Landwirtschaft wurde die Schafhaltung aber unrentabel, denn Fleisch erzeugte man in Mastställen und Schaffleisch wurde importiert. Die Hutungen oder Halbtrockenrasen sind der Lebensraum von sehr seltenen Pflanzen und vielen bedrohten Tieren. Die ehemaligen Hutungen hat man in den 1960er Jahren mit Fichten aufgeforstet oder sie verbuschten, weil keine Beweidung und Pflege mehr durchgeführt wurde. Die Pflege an steilen Flächen ist Handarbeit und deshalb nicht mehr bezahlbar. So gingen ökologisch wertvolle Flächen und viele Tier- und Pflanzenarten regional verloren.

Als Nutzer kommen nur regionale Schäfer in Frage, die man durch Vermarktungshilfen für die Sache gewinnt. Dann beginnt unsere Hilfe vor Ort. Wir entbuschen die alten Zugwege für die Wanderschäferei, wir schneiden ihre Weidehänge frei oder wir kümmern uns um besondere Standorte. Aber ohne die Beweidung durch Schafe könnten die Tiere dieses Biotops gar nicht existieren. Die Schafe hier sind die besten Landschaftspfleger und Naturschützer.

 

ObstbaumpflanzungPflanzen von Obstbäumen

Das Pflanzen eines Obstbaumes ist immer etwas ganz Besonderes. Wir stellen dies nie an den Anfang eines Praktikums, sondern stets in die zweite Hälfte, wenn die Schüler gelernt haben, mit Verantwortung umzugehen, wenn sie einen Arbeitsrhythmus gefunden und gewisse theoretische Zusammenhänge verstanden haben. Und im Gesamtbiotop stellen wir noch Aufsitzstangen für die Greifvögel auf, damit sie sich nicht auf die zarten Äste der kleinen Bäume setzen müssen.

 

Aufforstungen und Waldpflege

Prinzipiell ist das Pflanzen von Bäumen eine pädagogisch wertvolle Sache. Pädagogisch vertretbar ist für uns nur die Pflanzung eines gesunden Mischwaldes mit einem gestuften Waldsaum aus Sträuchern. Eine sachgemäße Waldpflege bedeutet eine Aufwertung für diesen Wald. Deshalb durften wir stets einen Teil des entnommenen Holzes für uns selbst in Anspruch nehmen. Die dünnen Stangen verarbeiteten wir zu Zaunpfosten für Einzäunungen. Dickeres Holz wird zu Brennholz verarbeitet.

 

Durchführung

Der Termin des Praktikums liegt immer im November direkt im Anschluss an die bayerischen Herbstferien. Erst im November nehmen die Baumschulen die Pflanzen aus der Erde. Sie haben das Laub meist abgeworfen und sind verholzt. Novemberpflanzungen haben die besten Anwachsraten. Das Hauptprojekt ist in der Regel eine Hecken- oder Obstbaumpflanzung. Deshalb kommt nur dieser späte Termin mit allen Vor- und Nachteilen in Frage.

Vom Praktikumsleben hängt viel ab, z.B. wie die Schüler das Projekt und auch diese Idee im Gedächtnis und im Herzen behalten. Unser Quartier ist einfach, aber die Wirtsleute sind sehr nett, das Essen ist reichlich und ausgezeichnet. Wir haben vor- und nachmittags je einen Arbeitsblock von drei Stunden mit einer Pause. In unserem Picknickkorb sind Tee und Kuchen, die Schüler brauchen gar nichts Eigenes mitzunehmen. In dieser Pause kommen oft interessante Gespräche zu Stande, wie sie im normalen Schulalltag nicht möglich sind.

Die Zeit zwischen Abendessen und Nachtruhe muss auch noch gestaltet werden. Jeden Abend gibt es eine Stunde Unterricht und eine halbe Stunde Stillarbeit. Danach gibt es einen Spieltisch für Brett- oder Kartenspiele, einen Musiktisch mit Gitarren und mehreren Liederbüchern und zwei Tischtennisplatten. Und wenn die Lehrer einfach anfangen zu spielen oder zu musizieren, findet sich immer eine kleine Gruppe, die da mitmacht.

 

Der theoretische Unterricht

Im November wird es früh dunkel und die Abende sind sehr lang. Da muss der Abend gut strukturiert sein, denn Neuntklässler haben auch nach anstrengender Arbeit noch viel Power und würden einiges anstellen. Dies allein ist schon ein Grund, die Gruppe noch zu einer theoretischen Arbeit zusammenzuführen. Und natürlich ist der Unterricht auch notwendig, um Arbeitstechniken zu besprechen und ein Verständnis für die Zusammenhänge in der Natur zu entwickeln. Denn dies kann man heute nicht mehr erwarten. Jeder Schüler führt ein Heft für Arbeitsberichte, für den Unterrichtsstoff und für Pflanzenzeichnungen. Inhalt und Umfang des Unterrichts orientieren sich an den Projekten und am Erschöpfungsgrad der Schüler und Lehrer.

 

Rückblick und Perspektive

Am nördlichen Rand des Naturparks Altmühltal ragt der Gelbe Berg rund 200 Höhenmeter über dem Altmühltal. Man hat eine grandiose Sicht. Beim Blick von diesem Berg sieht man rund 20 Biotope (Karte). Dies sind alles unsere Biotope: die jungen Hecken, alle von uns gepflanzt, die älteren, alle von uns gepflegt, die Hutungsflächen am Berg, selbst von uns entbuscht, der Wald, von uns gepflegt, die jungen Obstwiesen, von uns gepflanzt, die alten Obstwiesen, von uns gepflegt! Wenn wir dort stehen und übers Land schauen, fühlen wir eine große Verbundenheit zu dieser Landschaft. Einigen Kollegen hat diese Arbeit eine Art heimatliches Gefühl vermittelt. – So lange es hier noch ökologisch etwas zu verbessern gibt, wird dieses Praktikum hier stattfinden!

 

Werner Neudorfer, Michael Nies-Steffens