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Zeitzeugenbesuch an der Rudolf Steiner Schule Nürnberg

Erich RathfelderVor hundert Jahren endete der I. Weltkrieg – Ein Gespräch mit dem Journalisten und Osteuropaexperten Erich Rathfelder über die gegenwärtige Situation in der Region seines Entstehens auf dem Westbalkan


Am Mittwoch, den 11. April, auf den Tag genau sieben Monate vor dem hundertsten Jahrestag des Kriegsendes am 11. November 1918 stattete Erich Rathfelder, ein Zeitzeuge des Jugoslawienkrieges der 1990er Jahre, der Rudolf Steiner-Schule Nürnberg einen Besuch ab. Nach seinem Referat diskutierte er mit den Schülerinnen und Schülern der 11. und 12. Klassen unserer Schule.
Angesichts der wachsenden internationalen Spannungen ruht der besorgte Blick der Öffentlichkeit gegenwärtig eher auf dem Bürgerkrieg in Syrien, als auf den Nachbarstaaten im Südosten Europas. Andererseits haben nicht nur die Schüsse von Sarajewo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand im Juni 1914, sondern auch der Krieg in der Folge des Zerfalls Jugoslawiens ab 1991 bewiesen, welche destabilisierende Wirkung von den ungelösten Problemen vor allem in den Nachfolgestaaten Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Mazedonien, Serbien und dem Kosovo ausgehen kann.
Allen diesen Staaten wurde durch Brüssel seit der Jahrtausendwende langfristig ein Beitritt zur Europäischen Union in Aussicht gestellt, was zu großen innenpolitischen Reformbemühungen der jeweiligen Regierungen führte. Dies stellte Herr Rathfelder am Beispiel Mazedoniens dar. Leider haben es aber bisher nur Slowenien und Kroatien geschafft, der Union beizutreten.

Im Augenblick ist die Europäische Union so sehr mit sich selber beschäftigt, dass weitere Beitritte in den Sternen stehen. Dies führt nun einerseits zu großer Enttäuschung in den kleinen Nachfolgestaaten und in der Folge zum Nachlassen des Reformwillens. Andererseits nutzen vor allem Russland und die Türkei des Präsidenten Erdogan nach Auffassung Herrn Rathfelders das Vakuum, um die nationalistischen Kräfte zum Beispiel in Montenegro, Mazedonien und dem Kosovo auf ihre Seite zu ziehen und die innenpolitischen Konflikte der Länder anzuheizen. Das Kalkül der beiden östlichen großen Nachbarn sei dabei, eine Krisensituation zu erzeugen, in der wieder einmal das Versagen der Europäischen Union im Umgang damit zu Tage trete, was letztere ganz im Sinne Putins und Erdogans weiter schwächen würde.
Herrn Rathfelders Anliegen war es, bei den Schülerinnen und Schülern ein Verständnis für die höchst komplexe kulturelle, wirtschaftliche und politische Situation im ehemaligen Jugoslawien zu erwecken und sie zu ermuntern, sich zum Beispiel im Zuge einer Urlaubsreise selber ein Bild von diesen landschaftlich reizvollen und kulturell reichen Ländern zu machen, um so unter der jungen Generation den gesamteuropäischen Zusammenhalt zu stärken.
Im anschließenden Gespräch, das nach tastendem Beginn in Gang kam, interessierten die Schülerinnen und Schüler vor allem Herrn Rathfelders persönliche Erfahrungen als Kriegsreporter. Ohne auf den Wunsch nach drastischen expliziten Schilderungen seiner Erlebnisse einzugehen, ließ er dennoch durchblicken, wie gefährlich der Alltag eines Kriegsberichterstatters ist und dass viele seiner Kollegen dabei auch ums Leben gekommen sind. Da er heute in Sarajewo und Split lebt, beobachtet er aus nächster Nähe die Entwicklungen vor Ort und berichtet darüber in zahlreichen Zeitungsartikeln und Büchern. Die Veranstaltung endete nach knapp 90 Minuten mit freundlichem Applaus.